23 August 2026

Kolumne #8 – Wie es wohl ist, wenn man sich verloren fühlt


Oder was einem auf Reisen alles passieren kann


Die Zeit war wieder einmal reif für eine kleine Reise. Ich weiss nicht, wie es euch geht, aber wenn ich eine gewisse Zeit nicht in Frankreich war, fühlt es sich sehr ‘Unterfrankreicht’ an. Beschlossen, getan. Mein TGV wartete auf mich und meine Liebsten brachten mich zum Bahnhof.

Nach einer 4-Stunden-Fahrt mit recht angenehmen Fahrgästen trifft der Zug in Paris ein. Oh, wie schön, ich werde abgeholt und geniesse es immer, da mir die Busfahrpläne dieser Stadt einfach ein Rätsel bleiben.

Ich bin sofort zu Hause, erst einmal ein Apéro, dann Gepäck nach Hause und schon sind wir wieder unterwegs zu einem meiner Lieblingsrestaurants, der ‘Bar à Iode’. Dort wartet mein Fischteller und ein gekühltes Glas Rosé auf mich. Wunderbar …

Natürlich möchte ich meinen Bruder einladen und zu diesem Zweck mein Portmonee zücken … ich suche … wo ist es nur … das Ding ist doch recht gross … oh làlààà … Glücklicherweise hat mein Bruder übernommen und wir laufen schnell nach Hause, um zu sehen, ob ich es dort habe liegen lassen. Es ist NICHT da …

Als Erstes versuche ich im Kopf zu sortieren, was alles fehlt:

ID, Kreditkarte, Bankkarten, glücklicherweise nur sehr wenig Geld … alles weg …

Das Telefonieren geht los: Notfallnummern, die man auf dem Netz findet, alle Karten, die Polizei … Oje, im ersten Moment ist es nicht so schlimm, wenn alles weg ist, aber die Arbeit, die so etwas generiert … und bis man wieder alles hat …

Nun gut, ich bin in Paris und werde mir den Aufenthalt nicht verderben lassen. Aber womit zahle ich? Mein Bruder guckt mich grinsend an und meint: Du bist jetzt eine ‘sans-papiers’ (Du bist jetzt offiziell ohne

Papiere.). Nett …

Und während ich tiefer in dieses Thema eintauche, was das alles mit einem macht, fällt mir auf, dass mir so etwas auf all meinen Reisen kreuz und quer über den Globus noch nie passiert ist. Was war dieses Mal anders …?

Wenn du meine Kolumnen schon gelesen hast, weisst du, dass ich versuche, jede Woche einmal wahrzunehmen, was das Kollektiv bewegt. Was treibt die Menschen an oder bewegt sie? Manchmal auch, ohne dass sie es benamsen können.

Und dann fiel mir noch etwas Interessantes auf. Bereits Montag oder Dienstag habe ich mir in der Agenda einen Eintrag für Sonntag gemacht und vergessen: Check das Thema – sich verloren fühlen …

Kein Geld, kein Ausweis, keine Möglichkeit, Geld zu beziehen … jaaa, da schluckt man kurz mal … Natürlich ist es in meinem Fall nicht so schlimm. Es gibt Menschen die verlieren, ihre Partner und Ehegatten, ihre Tiere, ihr ganzes Hab und Gut bei Flut oder Brand, oder aber ihre Seele …

Dieses ‘sich verloren’ fühlen, sei es nur kurz oder auch länger, verändert uns. Es wirft uns auf einen Punkt des Essenziellen zurück.

Die Frage, die sich dann automatisch stellt, ist: Was benötige ich jetzt wirklich? Oder unter Umständen auch: Was kann noch alles weg …? Und als Nächstes: Was muss getan werden, um dieses Gefühl wieder loszulassen?

Es ist Wochenende. Wir schlendern durch die Stadt, besuchen ein Museum, laufen der Seine entlang oberhalb der Quais. Die Anrufe sind getan. Es ist immer noch Sonntag, ich kann nicht viel tun. Nun, ich muss in die Akzeptanz, dass ich komplett ‘hilflos’ bin ohne all die gesellschaftlich anerkannten Karten und Dokumente … Hilflos … Wirklich?

Der eine Mensch verliert seine Dokumente und mit ihnen für einen Moment auch den Boden unter den Füssen. Der andere verliert genau dieselben Dinge und entdeckt, dass sein Boden offenbar woanders liegt.

Ich sitze also in Paris, ohne ID, ohne Bankkarten und ohne die Möglichkeit, an mein eigenes Geld zu kommen. Gesellschaftlich betrachtet bin ich gerade erstaunlich schlecht ausgestattet. Und trotzdem bin ich noch vollständig da. Noch bewusster und vollständiger als zuvor.

Vielleicht zeigt sich erst dann, wenn uns etwas Sicherheit genommen wird, worauf wir unser Vertrauen tatsächlich gebaut haben.

Und damit bleibt für diese Woche eine Frage:

Was bleibt von dir, wenn plötzlich etwas wegfällt, von dem du dachtest, du brauchst es unbedingt, um sicher zu sein?


Impulse der Stadtdruidin

Kolumne #8 - August 2026

© Chantal Donia Houcke | chantal-donia.ch