17 August 2026

Kolumne #6 – Gibt es Bewusstsein auch als Kapseln?



Oder die Selbstermächtigung als Konsumgut


Wie ihr ja schon wisst, bin ich oft in der Stadt unterwegs. Natürlich zu Fuss, oft den Flüssen entlang, da dies in der Stadt die Zonen sind, an denen wir die Hunde nicht an die Leine nehmen müssen. Ganz abgesehen davon, dass der Kleine diesen Sommer viel Abkühlung benötigt. Heute hat mich mein Weg zu einer Buchhandlung geführt. Milou guckt mich wieder einmal verständnislos an, immer nach dem Motto: Warum hier und nicht ins Hundelädeli …?

Meiner Inspiration folgend laufe ich umher, um mir den jährlichen Sommerkrimi zu suchen. Meine Augen wandern gedankenversunken durch die Regale, auf der Suche nach meinen Lieblingsautoren, als ich plötzlich hinter mir höre:

«Hallo Chantal, wie geht es dir?»

Ich drehe mich abrupt um und stehe vor einer früheren Arbeitskollegin.

Ich: «Ja hallo, wie geht es dir? Lange nicht gesehen!»

Der Name … wie war noch ihr Name …??? Grrrr….

«Was bringt dich in diesen Buchladen?»

Sie: «Ich bin ständig müde. Mein Rücken tut weh, mein Bauch spinnt und irgendwie habe ich keine Energie mehr.»

Ich: «Oh, und das führt dich hier zu den Büchern? Sehr interessant. Seit wann geht es dir so?»

Sie: «Schon länger.»

Ich: «Was denkst du, wo der Ursprung ist?»

Sie: «Keine Ahnung. Aber weisst du, der Stress wird einfach nicht weniger.»

Ich: «Was hast du schon dagegen unternommen? Gibt es etwas, das du schon lange mit dir herumträgst?»

Sandy, Pati … Verflixt und zugenäht, ich komm nicht mehr drauf …

Sie: «Ich war beim Arzt, der hat nichts gefunden. Ja, und ich habe natürlich auch meine Themen …»

Ich: «Könnte es sein, dass Veränderungen längst überfällig wären? Du wolltest doch schon so lange einen neuen Job.»

Sie: «Weisst du, ich verdiene da anständig und aktuell gibt es kaum interessante Jobs.»

Ich: «Wo in deinem Leben bist du nicht mehr im fluss?»

Sie: «Was meinst du mit fluss?»

Ich: «Wo steckst du fest?»

Sie: «Bei der Arbeit. In meiner Beziehung. Eigentlich überall ein bisschen.»

Ich: «Und was davon möchtest du verändern?»

Sie: «Ah, weisst du, da kann ich momentan nicht viel ändern.»

Ich: «Was sagt dein Körper dazu?»

Sie: «Na ja. Offenbar gefällt es ihm nicht.»

Ich: «Vielleicht versucht er schon länger, dir etwas zu sagen.»

Sie: «Kann sein …»

Kurze Stille …

...

Sie: «Darum bin ich hier. Ich wollte schauen, welche Vitamine und Mineralien mir helfen.»

Ich: «Du könntest zuerst herausfinden, weshalb deine Energie nicht mehr fliesst.»

Sie: «Ja, später … ich denke eher an Vitamine.»

Ich: «Du möchtest also neue Energie zuführen, ohne herauszufinden, wo deine eigene verloren geht?»

Sie: «Genau.»

Ich: «Das ist praktisch. Und schau, hier gibt es viele Bücher darüber …»

Sie: «Was empfiehlst du mir?»

Ich: «Ääähhhmm … Bewusstsein.»

Sie: «Gibt es das auch als Kapseln?»

Je länger ich Menschen beobachte, desto deutlicher wird mir etwas: Wir reden viel von Selbstverant-wortung und Selbstermächtigung. Davon, unser Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Es sieht aber so aus, als würden wir auch das am liebsten konsumieren. Eine Kapsel für mehr Energie. Ein Buch für ein neues Leben. Eine Behandlung gegen das Feststecken. Ein Mensch, der uns sagt, wohin wir gehen sollen. Nur eines lässt sich nicht delegieren: die eigene Bewegung.

Ein Arzt kann mich behandeln, ein Therapeut kann mich begleiten, ein Buch kann mir eine Tür zeigen. Das kann alles sehr hilfreich sein und uns Wege weisen. Wenn ich aber nicht hindurchgehe, werde ich da bleiben, wo ich bin.

Ich denke, das ist der Teil von Selbstverantwortung, über den wir weniger gerne sprechen. Denn sie beginnt nicht dort, wo ich etwas zu mir nehme. Sie beginnt dort, wo ich bereit bin hinzusehen:

  • Wo verliere ich meine Energie?
  • Was halte ich fest, bzw. wogegen wehre ich mich?
  • Was ist längst vorbei und ich kreise immer noch darum herum?
  • Was genau möchte ich nicht mehr?
  • Und was müsste ich verändern, obwohl es unbequem ist?


Vielleicht müssen wir Krankheit deshalb noch viel früher betrachten: dort, wo wir uns selbst verlassen, uns in Rollen verstricken, das übergehen, was uns nährt, und mentale Konzepte für Wirklichkeit halten. Werden diese Zusammenhänge bewusst, entsteht eine Wahl. Und mit dieser Wahl beginnt die Möglichkeit, alles zu verändern, bis hinein in den Körper.

Denn kein Arzt, kein Therapeut und kein Begleiter kann mir die Entscheidung abnehmen, etwas in meinem Leben zu verändern. Niemand kann für mich aufstehen. Niemand kann für mich loslaufen.

Vielleicht liegt genau darin etwas, das wir in unserer Konsumwelt beinahe vergessen haben:

Es ist die eigene Entscheidung, die wieder Bewegung ins Leben bringt.

Bewusstsein gibt es leider noch nicht als Kapseln und das ist ganz gut so.


 Von meinem Herzen zu eurem


Impulse der Stadtdruidin

Kolumne #6 - August 2026

© Chantal Donia Houcke | chantal-donia.ch