20 July 2026

Kolumne #3 - Fussball … für zwei Wochen Wurzeln haben

Ich stehe am Rotlicht. Langsam dämmert es. Die letzte Abendrunde mit dem Kleinen. Und ich merke, dass ich in einem Pulk aufgeregter junger Menschen stehe, alle bekleidet mit rot-gelben Shirts. Ich muss nachdenken … ah ja, Spanien und ich kriege aus dem Gespräch mit, dass das grosse Finale heute läuft. Sie scheinen voller Vorfreude und Erwartung. Da eine andere Gruppe alle hellblau-weiss gestreift … ich höre Argentinien, das war’s. Sie winken sich aufgeregt zu.

Für zwei Wochen alle zwei Jahre haben alle eine freudige

Herkunft. Ob sie aus dem entsprechenden Land kommen oder nicht, ist da zweitrangig. Alle freuen sich und fiebern mit. Und wenn die eigene Mannschaft verliert, hat jeder schon die Ersatzmannschaft im Petto. Wir haben wahrlich lustige Bräuche.

Seit je her beschäftigt mich das Thema Wurzeln und Herkunft. Was gibt es Spannenderes, als zu wissen, woher man kommt? Und zu verstehen, was uns dies für eine Kraft gibt, denke ich mir so…

Nun in den kommenden Tagen ist das Spektakel vorbei und alle tragen wieder ihre normale Kleidung. Wie schade, es war gerade so schön bunt und lebendig in der Stadt.

Meine Gedanken kehren zurück zu den Wurzeln. Warum interessieren sich so wenige Menschen für ihre Vorfahren, für die Errungenschaften ihrer Kultur, für die Kraft die sie daraus schöpfen können.

Ich lebe in einer Stadt, die angefüllt ist mit verschiedenen Kulturen und Sprachen. Das macht sie interessant. Ich laufe durch die Strassen dieser Stadt und höre so viele verschiedene Sprachen. Bis ich merke, wo ist unsere Sprache, das Schweizerdeutsch eigentlich geblieben? Spannend. Oh, ich höre Französisch: Ja, das gehört zur Schweiz. Wieder viele andere Sprachen, ich fange Italienisch auf: Eine ältere Dame, die ihren Enkel im Wagen spazieren fährt und mit ach und krach einen Satz auf Spanisch versucht zu formulieren. Ah, ich sehe den Rest der Familie, sehr mulit-kulti.

Und die Wurzeln lassen mich einfach nicht los. Die Allee ist natürlich umrahmt mit alten Bäumen und WURZELN …

Ab und zu nehme ich mir die Zeit am Abend auf dem Heimweg vom Spaziergang und halte an, für ein Glas Wein. Milou stupst sofort, um darauf aufmerksam zu machen, dass es Zeit für Wasser UND … ist. Ich vollbringe die Bestellung und sitze am Tisch, um meine Mails zu checken.

Nicht zu überhören ein Gespräch am Tisch nebenan: «Ja weisst du ich habe chinesische Wurzeln!» Erzählt die junge Dame voll Stolz.

Ich sehe sie an: Dunkelblonde Haare, wahrscheinlich gefärbt, ein europäisches Gesicht, gut die Augenwinkel haben … eventuell etwas asiatisches? Keine Frage, wer mit so viel Begeisterung davon erzählen kann, dem ist es wichtig und sie wirkt so stolz darauf.

Wann habe ich das letzte Mal gehört: Min Grossdädy isch im fall Schwizer gsii, us em Kanton Uri.

Nun gut für alle die mit dem Schweizerdeutsch nicht vertraut sind: Mein Grossvater war Schweizer, aus dem Kanton Uri. Diesen Satz würde ich wirklich gerne wieder einmal hören, Variationen sind erwünscht (die Schweiz hat schliesslich 24 Kantone).

Ich denke Herkunft ist nichts, was hinter uns liegt. Sie geht jeden Schritt mit uns.


Nun ist es aber Zeit für den restlichen Weg nach Hause …