Wenn wir die Geschichte der Menschheit betrachten, scheint sich vieles um Besitz, Macht und Geld zu drehen. Doch je tiefer ich in den Menschen, seine Wahrnehmung und sein Bewusstsein eintauche, desto deutlicher wird mir, dass dies nie das eigentliche Thema war. Hinter all diesen Dingen verbirgt sich etwas viel Ursprünglicheres: unsere Lebensenergie.
Sie ist es, die uns denken, fühlen, handeln und erschaffen lässt. Sie bestimmt unsere Ausstrahlung, unsere Gesundheit, unsere Beziehungen und letztlich auch die Qualität unseres Lebens. Ohne sie verlieren wir nicht nur unsere Kraft, sondern auch den Kontakt zu uns selbst.
Wir leben jedoch in einer Welt, in der Lebensenergie ständig in Bewegung ist. Zwischen Menschen findet fortwährend ein Austausch statt. Das geschieht nicht erst während einer Behandlung oder einer Meditation, sondern in jedem Gespräch, in jedem Konflikt, in jeder Begegnung und manchmal sogar durch einen einzigen Gedanken. Wir alle senden und empfangen. Die Frage ist nicht, ob dies geschieht, sondern wie bewusst wir daran teilnehmen.
Dabei beobachte ich einen wesentlichen Unterschied, der in vielen spirituellen Lehren kaum beschrieben wird. Es ist etwas völlig anderes, Energie bewusst wahrzunehmen, als unbewusst Energie von anderen zu beziehen.
Wenn ich mich in ein Energiefeld einfühle, geschieht dies aus der Haltung eines Beobachters. Ich höre gewissermassen zu. Ich nehme wahr, ohne etwas zu entziehen. Mein Bewusstsein verbindet sich mit einer Information, nicht mit der Lebensenergie des anderen Menschen. Diese Form der Wahrnehmung ist klar, respektvoll und hinterlässt keine Leere.
Ganz anders verhält es sich, wenn Menschen ihre eigene Lebensenergie nicht ausreichend nähren können. Dann beginnt häufig ein unbewusster Prozess. Bedürfnisse, Ängste, ungelöste Emotionen und mentale Konzepte erzeugen einen inneren Mangel. Dieser Mangel sucht unbewusst nach Ausgleich. Menschen beginnen, sich an Aufmerksamkeit, Anerkennung, Konflikten, Dramen oder sogar an der Kraft anderer zu nähren, ohne sich dessen bewusst zu sein. Aus meiner Sicht geschieht dies meist nicht aus Bosheit, sondern weil sie den Zugang zu ihrer eigenen Quelle verloren haben.
Genau hier liegt für mich der Kern vieler zwischenmenschlicher Schwierigkeiten. Wir versuchen häufig, unser Energiedefizit im Aussen auszugleichen, obwohl die eigentliche Ursache im Inneren liegt. Solange wir uns selbst nicht wahrnehmen, bleiben wir abhängig von dem, was andere uns geben oder entziehen können. Wir werden beeinflussbar und verlieren immer wieder einen Teil unserer Kraft.
In meinem Buch beschreibe ich, dass Bedürfnisse, Ängste und mentale Konzepte nicht nur unser Denken verändern. Sie senken unsere Schwingung und führen zu einem Zustand des Getrenntseins. Wir entfernen uns Schritt für Schritt von unserem ursprünglichen Wesen und werden dadurch immer empfänglicher für äussere Einflüsse. Gleichzeitig geben wir unbewusst unsere eigene Energie ab oder versuchen, fehlende Energie von anderen zu beziehen.
Deshalb glaube ich, dass der eigentliche Weg nicht darin besteht, immer stärkere Schutzmechanismen aufzubauen. Schutz kann in bestimmten Situationen sinnvoll sein, löst aber nicht die Ursache. Die eigentliche Aufgabe besteht darin, unser Bewusstsein so weit zu entwickeln, dass wir wieder Herr über unsere eigene Lebensenergie werden.
Für mich ist dies der Weg zurück in den taoistischen Urzustand. In einen Zustand, in dem Denken und Fühlen noch eins sind. In dem wir nicht von Bedürfnissen, Ängsten oder Rollen gesteuert werden, sondern unmittelbar wahrnehmen. Je mehr sich diese Schichten auflösen, desto deutlicher erinnern wir uns daran, wer wir ursprünglich sind. Wir werden innerlich ruhiger, klarer und unabhängiger.
Erst aus diesem Zustand entsteht wirkliche Freiheit. Nicht, weil niemand mehr Einfluss auf uns hat, sondern weil wir unsere Energie nicht länger unbewusst verlieren oder im Aussen suchen müssen. Wir beginnen, aus unserer eigenen Quelle zu leben.
Dann verändert sich auch der Energieaustausch grundlegend. Er geschieht nicht mehr aus Mangel, sondern aus Fülle. Wir schenken Energie bewusst dort, wo sie gebraucht wird, ohne uns selbst dabei zu verlieren. Wir begleiten andere, ohne sie tragen zu müssen. Wir helfen, ohne uns aufzuopfern. Wir hören zu, ohne fremde Lasten zu übernehmen.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Entwicklung des Bewusstseins: nicht möglichst viel Energie zu sammeln, sondern so tief mit sich selbst verbunden zu sein, dass die eigene Lebensenergie wieder frei fliessen kann. Denn erst dann entscheiden wir selbst, wann wir Energie geben, wann wir sie empfangen und wann wir einfach nur in der Stille beobachten.
Chantal Donia Houcke | Zürcher Stadtdruidin und in fluss Bringerin